
Am nächsten Morgen wachte ich schlaftrunken auf und blinzelte. Die Sonne schien brutal in mein Gesicht und mein Bett war zerwühlt. Ich ahnte Schreckliches und hörte auch den Beweis nur einige Zentimeter neben mir schnarchen. Und schon wieder hatte ich es getan. Angespannt ließ ich mich wieder in die Kissen fallen und schloss die Augen. Dann atmete ich wieder ein. Scheiße. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Klar, Spaß haben konnte und wollte ich zwischendurch. Aber gestern wollte ich einfach mit meiner besten Freundin mal weg. Oder sie wollte es. Wie auch immer. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.
Ich merkte wie er sich einige kleine Zentimeter von mir regte und riss die Augen auf. Nein. Bitte lass ihn noch nicht wach sein, dachte ich und blieb unbeweglich liegen. Plötzlich merkte ich eine warme Hand um meine nackten Hüfte und ich biss die Zähne zusammen. Scheiße, Scheiße, Scheiße. Wie doof kann man eigentlich sein? Ich versuchte ruhig zu atmen und umschloss sanft seinen Arm und zog seine Hand von mir weg. “Morgen, Alex.” Hoffentlich geht er gleich, ging es mir durch den Kopf und hob meinen Kopf an, um in sein zerknautschtes Gesicht zu schauen. Tatsächlich sah er noch total übermüdet wirklich göttlich aus. Gestern in meinem Rausch hatte ich es natürlich nicht bemerkt. “Guten Morgen, Hübsche.” Warum benutzte er meinen Namen nicht? Wusste er den nicht? Reflexartig lächelte ich ihn an und bemerkte wie er erneut Kontakt zu mir suchte.
Schnell stand ich auf und zog mir mein Nachthemd und meine schwarze Sweat-Jacke über, da es recht kühl war. Verwundert schaute Alex mich an, aber sagte nichts. Stattdessen zog auch er sich an und grinste mich an. “Soll ich uns Brötchen holen?” Sollte er? Warum nicht? Dann konnte ich mich wenigstens ein paar Minuten frisch machen und fangen. “Klar, warum denn nicht?”, antwortete ich und wollte ihm Geld geben, doch er schüttelte den Kopf. Dann verschwand er durch die Tür. Der nächste Bäcker ist zu Fuß 10 Minuten von hier entfernt, dachte ich und ging ins Badezimmer. Vorsichtig lehnte ich meinen Kopf gegen die kalte Fliesenwand und atmete tief ein und aus. Reiß dich zusammen!, sagte ich mir energisch, doch mein Körper gehorchte nicht. Er zitterte wie verrückt. Nein. Das konnte nicht wahr sein. Seit Monaten hatte ich keine Panikattacke mehr gehabt - und jetzt auf einmal sollte das wiederkommen? Nein. Bitte nicht. Ich versuchte mich zusammen zu reißen und wusch mir mein Gesicht mit kalte Wasser und stellte mich sogar noch kurz unter eine kühle Dusche. Half nichts. Nach einigen Minuten hörte ich auch die Tür aufgehen und mein Herz begann zu rasen. Ich schüttelte den Kopf und ging zur Tür um Alex zu empfangen. “Hey, Alex. Schon wieder da?” Meine Stimme hörte sich zitterig an und Alex schaute mich besorgt an. Wahrscheinlich dachte er, ich würde gleich umkippen. Hatte er wohl auch recht. “Geht es dir nicht gut?”, fragte er mich besorgt und versuchte den Arm um mich zu legen, doch ich schüttelte ihn ab.
“Nein, alles okay. Komm - ich nehm dir Brötchen mal ab.” Meine Hand griff nach der Tüte, doch Alex zog seinen Arm kommentarlos zurück und verschwand in der Küche. Seufzend ging ich ihm hinterher und sah wie er den Tisch deckte. Nett von ihm. Wirklich. “Alex -”, fing ich an, doch er schüttelte nur den Kopf und konzentrierte sich weiter darauf den Tisch zu decken. Als er damit fertig war, legte er die Brötchen auf den Tisch, setzte sich mir gegenüber und schaute mir tief in die Augen. Ich mochte das nicht. Ich hasste das. “Lea, ich weiß doch, dass irgendwas nicht stimmt. Aber was ist es?” Wie oft ich diese Frage schon gehört habe. Und wie ich oft ich diese Frage schon lächelnd abgetan habe. Durfte dann auch diesmal nicht so schwer werden, oder? Also fing ich an zu lächeln und öffnete den Mund um zu reden, doch Alex schüttelte erneut den Kopf. Ich stutze. “Lass es entweder sein oder sag mir die Wahrheit. Aber lüg mich nicht an.” Plötzlich interessierten sich meine Augen sehr für meine Hände und ich öffnete den Mund erneut. “Ich kann es dir nicht sagen. Ich… Ehrlich gesagt, weiß ich auch nicht, was mit mir los ist. Meine Gefühle spielen ziemlich verrückt. Ich weiß nicht was ich will. Ich… Ich kenne dich einfach noch nicht gut genug, um dir so viel zu erzählen. Es ist so, dass ich seit einigen Jahren regelmäßig zur Therapie gehe.” Meine plötzliche Offenheit schockierte mich so sehr, dass ich Alex anstarrte und auf einen leisen Anflug von Heiterkeit wartete, doch sein Gesicht blieb weiter sorgenvoll und er schaute mir immer noch die Augen.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Am liebsten wäre ich geflohen. Irgendwohin, wo mich keiner fand. Wo mich keiner sah. Aber das war nicht so einfach. Leute würden nach mir suchen - und das wollte ich nicht. Ich hatte so schon genug Aufmerksamkeit zurzeit und das machte mich schon fertig. Meine Eltern kamen mich einmal in der Woche besuchen und ein bis zweimal musste ich zu meiner Therapeutin. Also musste ich bleiben wo ich war. Mit Alex reden. Vielleicht half es sogar. Er schien nett zu sein. Und er hörte zu. Das war eigentlich das, was ich brauchte. Doch es machte mir Angst. Diese Nähe. Selbst die Intensität in seinen Augen machte mir Angst. Ich wollte nur noch weg. Doch ich blieb einfach sitzen. Schaute ihm weiter in die Augen. Dann atmete er einmal tief ein und sagte: “Ich … hatte mir schon so etwas gedacht. Ich bin seit einiger Zeit recht gut mit Hanna befreundet und was soll ich sagen? Vor Kurzem hatte sie mir von dir erzählt - dass du seit einiger Zeit keine Beziehung mehr hattest und sie sich wirklich Sorgen um dich machen würde. Gestern auf der Party hatte ich keine Ahnung, dass du die warst über die ich mit Hanna gesprochen habe. Naja. Aber das Wichtigste habe ich dich noch gar nicht gefragt. Was hast du denn genau?”
DAS ging mir nun eindeutig zu weit. Wie konnte er mich schon nach einigen Stunden fragen, was für Macken ich denn hätte? Ich seufzte und schaute ihm ins Gesicht. Allerdings nicht in die Augen. “Ich möchte nicht darüber reden. Nicht jetzt.” Ich wollte ihm sagen, dass er mich in Ruhe lassen und gehen sollte. Doch inzwischen hatte sich meine Panik wieder etwas beruhigt und er schaute mich weiter an. “In Ordnung. Aber falls du mit mir reden möchtest - du hast ja meine Handynummer.” Ja, die hatte ich. Aber ich würde sie nicht benutzen. Da war ich mir sicher. Das Frühstück verlief ruhig und gegen Mittag verließ Alex mich mit einer kurzen, aber gemeinten Umarmung.
Ich wusste nicht mehr weiter. Was sollte ich tun? Sollte ich mit ihm über mich und meine Probleme reden? Fragen über Fragen und doch hatte ich keine Antworten darauf. So ließ ich die Tage auf mich zu kommen und fand mich somit auch immer öfter in der Gesellschaft von Alex wieder.